Nigel Mansell

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    • Nigel Mansell

      Ich bin grade dabei das Chaos auf der Festplatte meines Rechners ein wenig in der Griff zu bekommen (Ordnung ist ja bekanntlich das halbe Leben - ich lebe in der anderen hälfte ;) )
      Dabei bin ich auf einen netten Text gestossen, den ich schon fast vergessen habe. Stammt aus dem Spiegel aus dem Jahr 1992.

      Also viel Spaß damit.

      "Gewalttäter im Cockpit"

      Der designierte Formel 1 Weltmeister Nigel Mansell kämpft gegen Spott und Intrigen

      Der Sieger strahlt nicht; er ist genervt. Nur zu gern würde er allen, die ihn nach der Zieldurchfahrt bedrängen, von seiner heroischen Leistung am Lenkrad berichten. Doch die interessiert niemanden. Alle wollen von Nigel Mansell nur eins wissen: Wie er seine Chancen einschätzt, endlich Formel 1 Weltmeister zu werden.
      Erst zischt er nur angewidert ein "no comment" in die Runde. Doch als einer der Ignoranten auch noch über die technische Überlegenheit der Williams Rennwagen schwadroniert, bricht es aus Nigel Mansell heraus. Wer so rede, blafft er zurück, sei entweder ,wirklich dumm" oder komme "von einem anderen Planeten".

      Natürlich weiß Mansell, 38, daß er sich auf dem geraden Weg zum WM Titel befindet. Der Konkurrenz ist er locker davongefahren, noch nie eröffnete ein Fahrer die Saison mit einer Serie von fünf Grand Prix Siegen.
      Doch dreimal in den 13 Jahren seiner Formel 1 Karriere war er schon als kommender Weltmeister ausgemacht, versagte unter dem Erwartungsdruck und wurde mit Name und Spott überzogen. Nigel Mansell gilt in der Branche als Mann, der noch keinen Titel gewonnen, aber schon drei verloren hat.

      Und jetzt, da ihn jeder Sieg seinem "Lebensziel Weltmeisterschaft" näher bringt, begreift er, daß ihm neue Schikanen den Weg zur anerkannten Rennfahrer Persönlichkeit verstellen: Mansells Tragik ist, daß sein Auto zu gut ist. Die verpaßten Erfolge der Jahre 1986, 1987 und 1991 wurden seinem ungestümen Draufgängertum angelastet, der mögliche Titelgewinn dieser Saison wird seinem Arbeitsgerät zugeschrieben. Bläst Mansell nach seinen Siegen noch so demonstrativ erschöpft die Backen. Nicht er, das Auto ist der Star.
      Nie wurden gut 500 Kilogramm Kohlenfaser, Alu, Titan und Gummi in den Medien so bewundernd seziert, wie in den letzten Wochen die des Williams Renault: computergesteuerte Radaufhängung, halbautomatisches Getriebe, Anti Schlupfregelung.

      Teamkollege Riccardo Patrese lobt das 720 PS Gerät begeistert als "kinderleicht abzustimmen" und taxiert den Zeitvorteil des elektronisch regulierten Fahrwerks auf "rund eine Sekunde pro Runde".

      Unbewußt reduziert die Öffentlichkeit deshalb Mansell zum bloßen Chauffeur eines phantastischen High Tech Mobils, das auch jeder halbwegs begabte Bierkutscher zum Sieg steuern könne.

      Trotzig kneift der Brite die buschigen Augenbrauen zusammen: "Ohne Fahrer rollt kein Auto aus der Boxengasse."
      Soviel Respektlosigkeit ist unerträglich für einen Gerechtigkeitsfanatiker wie Mansell, der sich noch heute als "wahrer, moralischer Weltmeister" von 1986 und 1987 fühlt. Beim ersten Anlauf platzte im letzten Rennen ein Hinterreifen, ein dritter Platz hätte gereicht. Auf dem Fußmarsch in die Box weinte der verhinderte Champ. Ein Jahr später war er davon überzeugt, der Motorenhersteller Honda bevorzuge aus Vermarktungsgründen seinen Teamrivalen Nelson Piquet. Mansell versuchte den vermeintlichen Nachteil durch noch mehr Einsatz auszugleichen und landete mit Wirbelbruch im Krankenhaus.
      Diese Niederlagen hat der dünnhäutige Engländer nie verarbeitet, unablässig fühlt er sich von Pech und Intrigen verfolgt. Mansell träumt von einer Epoche, in der Rennfahren noch purer Sport gewesen sei ohne Taktik, ohne Politik, ohne Kommerz.
      Am liebsten ließe er 26 Fahrer mit identischen Fahrzeugen aufeinander los. Dann wären Computerhirne und listige Strategen wie Ayrton Senna oder Alain Prost ihres Vorteils beraubt nur die Muskeln und das Herz des Piloten würden entscheiden. Und niemand müßte darüber nachdenken, ob der Williams Renault trotz oder dank seines Fahrers zur Weltmeisterschaft eilt.

      Denn der Schnauzbartträger mit dem Stiernacken ist vor allem eine Kämpfernatur, furchtlos und schnell", so sein Dienstherr Frank Williams: Auch unter Schmerzen könne Nigel "das Äußerste aus sich herausholen". So wie Mansell Hände drückt, Golfbälle wegdrischt oder Türklinken traktiert, fährt er auch Rennwagen. Sein ehemaliger Teamkollege Gerhard Berger nennt ihn "ein Tier mit irrsinnigen Kräften".

      Den Zuschauern bot der "Gewalttäter im Cockpit" (Deutschlands Formel I Aufsteiger Michael Schumacher) bislang immer eine große Show. Er überholte an Stellen, wo kein Raum dafür war, riskierte die spektakulärsten Unfälle der Branche und versuchte einmal sogar, seinen wegen Spritmangel streikenden Wagen bei 40 Grad im Schatten über die Ziellinie zu schieben.
      Noch bevor Mansell der als Nachwuchsfahrer seine Wohnung versetzte, um sich vier Einsätze in der englischen Formel 3 Serie leisten zu können seinen ersten Grand Prix fuhr, hatte er bereits Verletzungen erlitten, die für eine komplette Karriere gereicht hätten. Einmal hatte sich schon ein Priester an seinem Krankenbett eingefunden. "Hau ab", beschied Mansell, soeben aus dem Koma erwacht, den Geistlichen.

      Auch als Formel 1 Routinier gab Mansell immer noch Vollgas. "Er machte Fehler", so Altmeister Niki Lauda, "bis das Auto oder er zerbrach. Erst im vorigen Jahr, urteilt der Ferrari Berater, habe Mansell gelernt, "im Rennwagen auch sein Hirn zu benutzen". Doch seinen Fahrstil hat das „ nicht beeinflußt. Typisch für die Attacken Mansells sei, so berichteten von ihm überrundete Fahrer, daß man ihn "beim Überholen in beiden Rückspiegeln gleichzeitig sieht".

      Um nicht "Opfer seiner Illusionen" (The Independent) zu werden, wonach alles mit eisernem Willen zu erreichen sei, hat sich Mansell so gut er kann den modernen Zeiten angepaßt, Verschwand er ehedem nach den Traingsfahrten zur Golf Runde, so kümmert er sich heute bis in die Abendstunden persönlich um die Arbeit in den Boxen. Gehörte er früher zu den Übergewichtigen. trainierte er vor dieser Saison, täglich 20 Kilometer mit dem Mountain Bike unterwegs, knapp zehn Kilogramm ab.

      Mansells Eifer ist die Antwort auf den Perfektionisten Senna, dessen Professionalität in der Formel 1 die Maßstäbe setzt. Privat möchte sich der aus einfachen Verhältnissen stammende Brite den Usancen der zu "Glanz und Glamour neigenden Branche" aber nicht unterwerfen: "Ich bin altmodisch."

      Der Steuer wegen nach Monte Carlo zu ziehen, lehnte er ab. Der Familie zuliebe siedelte er aber im vergangenen Winter nach Florida um. Dort habe er zehn Wochen mehr Zeit für seine drei Kinder und "meine wunderbare Frau Rosanne". Der Mann ohne Affären,

      der bei Williams rund 15 Millionen Mark kassiert, hat kürzlich sogar seinen Citation Jet verkauft: "Mieten ist billiger

      Das Privatidyll den Sommer verbringen die Mansells in ihrem Domizil in der Algarve hält auch den detektivischen Bemühungen der englischen Regenbogenpresse stand. Traditionell sind Rennfahrer bei den Briten gut gelitten. Weil "dem Langweiler" Mansell, der bis zum Saisonhöhepunkt in Monte Carlo immerhin schon 26 Große Preise gewonnen hatte, jede charismatische Eigenschaft abgeht, delektieren sich die Londoner Kolumnisten an seinen Schwächen.


      Genüßlich wird ständig wiederholt, daß Mansell früher als Fensterputzer und Tankwart gejobbt hat, daß er bei Pannen unflätig schimpft, daß er sich in den Verästelungen der Grammatik verfängt ein im standesbewußten Königreich diskreditierendes Merkmal.
      Wann immer sich die Konkurrenz über Mansell amüsieren will, wird die Geschichte eines Fluges ins australische Adelaide erzählt Als die Stewardess dem First Class Gast Mansell offenbaren mußte, daß sie nur noch Mokkaeis vorrätig habe, wollte der wissen: "Wonach schmeckt das?"

      Sein schlimmstes Handikap, befindet The Sunday Times, sei jedoch diese Stimme". Mansell spricht ohne Modulation und in East Midland Slang. "Wäre John Major Rennfahrer, hieße er sicher Mansell", lästerte kürzlich Mail on Sunday.

      Um so mehr sucht er, der selbsternannte "Mann des Volkes", den Kontakt zu Gleichgesinnten, seinen Mechanikern, denen er gern auf die Schulter tätschelt, und seinen Fans, für die er winkend auf die Boxenmauer steigt. Das Bad in der Menge ist wichtig für einen "einfachen Engländer wie mich".

      Demonstrativ wohnt Mansell in Silverstone bei seinem Heimat-Grand-Prix statt im Fünf Sterne Hotel im Wohnmobil an der Rennstrecke, nährt die Heldenverehrung mit Sätzen wie: "Wir wissen nie, ob wir zurückkommen." Oder, angesichts seines ruinierten Rückens: "Ich fahre so lange, wie der Spaß größer ist als der Schmerz." In Italien hat ihm dieser Heroismus den Namen "ll Leone", der Löwe, eingebracht.

      Doch Nigel Mansell ist immer noch verwundbar. Bis vor kurzem nölte der Williams Pilot auch nach Bestzeiten über sein "unfahrbares Auto", um so den Erfolgsdruck zu senken und vorab schon eventuelle Mißgeschicke zu erklären. Selbst auf dem Siegerpodest, wunderte sich Michael Schumacher, "motzt der, als ob er Vorletzter geworden sei".

      Die Überlegenheit seines Rennwagens läßt diese Psychokrücke jetzt nicht zu. Darin sieht Konkurrent McLaren die Chance, wie im Vorjahr, mit dem schlechteren Auto doch noch Weltmeister zu werden. Senna setzt darauf, daß sich Mansell durch das bloße Erscheinen des neu konstruierten McLaren, der von Juli an den technischen Vorsprung der Williams wettmachen soll, verunsichern läßt. Auf Druck, so die interne Strategie, reagiere der Favorit "mit Nervenschwäche".

      Spiegel Ausgabe 23/1992

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    • Der Spiegel-Bericht bringt es auf den Punkt. Der Williams-Renault von 1992 war vielleicht das überlegenste Rennauto der F1, das es je gab. Trotzdem gönnte ich es Mansell: 1992 war für ihn ausgleichende Gerechtigkeit für sehr viel Pech in den Jahren zuvor. - Wie vermisse ich einen Piloten wie Mansell in der heutigen Formel 1. Seine vielen Duelle sind bei mir unvergessen! :love:

      Zu Mansell gibts doch noch folgende Episode: als er in Montreal von Senna abgedrängt wurde und in die Mauer knallte, stieg er aus dem Auto und hinkte ziemlich offensichtlich mit dem rechten Bein. Als er sich danach bei der Rennleitung beschwerte, hinkte er mit dem linken Bein...

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Rudy ()

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